Eine Auffälligkeit beim ungeborenen Kind früh zu erkennen, kann für die weitere Betreuung entscheidend sein: Schwangere können gezielter beraten, Geburten besser geplant und Neugeborene nach der Geburt schneller passend versorgt werden. Künstliche Intelligenz soll Ärztinnen und Ärzte dabei künftig unterstützen – nicht als Ersatz für die fachliche Beurteilung, sondern als digitale Hilfe während der Untersuchung. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) liegt der größte Nutzen von KI derzeit darin, pränatale Ultraschalluntersuchungen vollständiger, einheitlicher und besser überprüfbar zu machen. Was KI heute leisten kann und wo ihre Grenzen liegen, erläutern Ultraschallexpertinnen und -experten der DEGUM auf einer Online-Pressekonferenz. Sie findet am Dienstag, 22. September 2026 anlässlich des Dreiländertreffens Ultraschall in Mainz statt.
Hier geht’s zur Anmeldung: https://events.teams.microsoft.com/event/6cbd07ad-65c2-4f57-8a56-8c053a47735a@1495922a-4378-45e9-a32a-422448450fb1
Eine Ultraschalluntersuchung in der Schwangerschaft kann wichtige Entscheidungen anstoßen: Muss ein Befund weiter abgeklärt werden? Ist die Vorstellung in einem spezialisierten Zentrum erforderlich? Wie lassen sich Schwangerschaft und Geburt vorbereiten? Und welche Versorgung braucht das Kind nach der Geburt? „Damit solche Entscheidungen auf einer möglichst sicheren Grundlage stehen, muss die Untersuchung nicht nur technisch gut gelingen. Sie muss vollständig, strukturiert und fachlich richtig eingeordnet werden“, sagt Professor Dr. med. Christian Enzensberger, Ärztlicher Leiter der Pränatal- und Geburtsmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen und Stellvertretender Leiter des DEGUM-Arbeitskreises „Künstliche Intelligenz“.
Genau hier kann KI ansetzen. Denn die Qualität einer pränatalen Ultraschalluntersuchung hängt von mehreren Faktoren ab: von der technischen Ausstattung ebenso wie von der Erfahrung der Untersuchenden, von klaren Abläufen und von der sicheren Beurteilung der Befunde. KI kann vor allem dort helfen, wo sich einzelne Untersuchungsschritte zuverlässig überprüfen und vereinheitlichen lassen. „Der eigentliche Fortschritt liegt in der Standardisierung“, sagt Enzensberger. Der Nutzen moderner Systeme bestehe derzeit weniger darin, seltene Fehlbildungen selbstständig zu erkennen. Vielmehr könnten sie Untersuchende dabei unterstützen, notwendige Untersuchungsebenen vollständig zu erfassen, die Qualität der Bilder einzuschätzen und standardisierte Messungen reproduzierbar durchzuführen. „So soll KI nicht die ärztliche Untersuchung ersetzen, sondern ihre Qualität im Alltag besser absichern.“
Vom Messwerkzeug zur digitalen Untersuchungsassistenz
Bei einer pränatalen Ultraschalluntersuchung müssen viele einzelne Schritte zusammenpassen. Ärztinnen und Ärzte beurteilen nicht nur ein einzelnes Bild, sondern untersuchen systematisch, ob wichtige Bereiche des ungeborenen Kindes ausreichend dargestellt sind. Sie messen, dokumentieren und ordnen mögliche Auffälligkeiten medizinisch ein.
Frühe KI-Anwendungen konzentrierten sich vor allem auf automatische biometrische Messungen. Inzwischen gehen die Systeme weiter: Sie können Ärztinnen und Ärzte während der Untersuchung begleiten und beispielsweise prüfen, ob wichtige Untersuchungsebenen bereits erfasst wurden oder ob die Qualität der Bilder für eine Beurteilung ausreicht. „Das kann vor allem bei Routineaufgaben entlasten“, erklärt Enzensberger. Die Untersuchenden gewinnen dadurch mehr Raum für das, was die Technologie nicht leisten kann: Befunde medizinisch einordnen, Zusammenhänge erkennen und gemeinsam mit den werdenden Eltern die nächsten Schritte besprechen.
Der nächste Entwicklungsschritt zeichnet sich bereits ab: Künftig könnten KI-Systeme nicht mehr nur einzelne Ultraschallbilder, sondern komplette Untersuchungen analysieren. Damit würde KI stärker vom einzelnen Messvorgang zu einer digitalen Begleitung des gesamten Untersuchungsablaufs werden.
Was bedeutet das für Schwangere?
Für Schwangere und ihre Kinder kann eine möglichst vollständige und verlässliche Untersuchung konkrete Folgen haben. Wird eine Auffälligkeit erkannt, kann dies eine gezielte Beratung notwendig machen. Je nach Befund kann die Schwangere rechtzeitig an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden. Auch die weitere Betreuung der Schwangerschaft, die Planung der Geburt und die Versorgung des Kindes nach der Geburt können frühzeitig vorbereitet werden.
Die DEGUM betont zugleich die Grenzen der Technologie. „Künstliche Intelligenz erkennt Muster und bewertet Wahrscheinlichkeiten. Sie übernimmt aber keine Verantwortung für Diagnose, Beratung oder Therapie“, betont Enzensberger. Auch die Einordnung eines Befundes bleibe eine ärztliche Aufgabe – ebenso wie das Gespräch mit den werdenden Eltern über mögliche Konsequenzen. „Auch in Zukunft muss gelten: Künstliche Intelligenz unterstützt die ärztliche Entscheidung – die Verantwortung für Diagnose, Beratung und Therapie bleibt beim Menschen.“
KI muss transparent und wissenschaftlich geprüft eingesetzt werden
Aus Sicht der DEGUM wird es künftig darauf ankommen, KI-Anwendungen sinnvoll, transparent und wissenschaftlich validiert in den klinischen Alltag zu integrieren. Perspektivisch könnten künstliche Intelligenz, Ultraschall, genetische Diagnostik und klinische Informationen stärker miteinander verknüpft werden. Entscheidend sei jedoch, dass neue Verfahren nicht nur technisch möglich, sondern medizinisch belastbar und qualitätsgesichert angewendet werden. Diese Entwicklung begleitet die DEGUM mit einem dafür eigens eingerichteten Arbeitskreis „Künstliche Intelligenz“. Auch auf dem Dreiländertreffen werden Ultraschallexpertinnen und -experten dieses zukunftsweisende Thema mit konkreten Anwendungsfällen diskutieren und neue Erkenntnisse präsentieren.
