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Gemeinsame DEGUM-Jahrestagung der Sek Chirurgie, AK Notfallsonographie, AK Bewegungsorgane

(pdf-Versionen der Präsentationen sind per Textlink einsehbar, weitere Fotos im Mitgliederbereich)

Die  Sektion Chirurgie veranstaltete ihre traditionelle Sommertagung dieses Jahr am 4.-6. Juni in Trier. Wie in den Jahren zuvor wurde das wissenschaftliche Programm gemeinsam mit anderen DEGUM-Gruppierungen gestaltet, die Schnittmengen mit der Sektion Chirurgie haben. Dies waren in diesem Jahr der AK Bewegungsorgane und der Notfall-AK.
Die Tagung fand im am Eifelhang des Moseltals gelegenen Robert-Schuman-Tagungshaus statt, das auch aus seiner großen Vortragsaula, in der die wissenschaftlichen Sitzungen stattfanden, einen spektakulären Panoramablick über die tief unten gelegene Mosel auf die älteste Stadt Deutschlands bot und war mit 63 Teilnehmern erfreulich gut besucht.

Schon beim „Come together“ am Donnerstag ab 17 Uhr und der anschließenden informellen Teilnehmerbesprechung, die bei herrlichem Wetter auf der Terrasse stattfand, stellte sich eine entspannter und trotzdem fokussierte Atmosphäre mit konstruktivem inhaltlichem Austausch in großer Runde ein. Besonders interessant und stimulierend erwies sich dabei einmal mehr die Tatsache, dass auch einige sektionsfremde (Notfall-)Schaller sich einbrachten.

Beim Abendbrot im großen Speisesaal im Altbau, wie auch in den trotz pfiffiger, moderner Innenausstattung noch erkennbar spartanischen Zellen des Gästetraktes war der lt. einem Teilnehmer fast eher protestantisch anmutende Geist des 1929 als katholisches Priesterseminar gebauten Hauses zu spüren.


Am Freitag Morgen begann das wissenschaftliche Programm um 8 Uhr. Es bildete ein weitgefächertes Spektrum der sonographischen Notfalldiagnostik zunächst aller chirurgischer „Zuständigkeitsbereiche“ ab.

Bereits in der ersten Sitzung über sonographische Frakturdiagnostik brachten die drei Referenten

Christian Tesch (niedergelassener orthopädischer Chirurg aus Hamburg, Einführung Fraktursonographie - Erwachsene),

Kolja Eckert (Essen, Kinderchirurg, Kindliche Frakturen 1, Schädel, untere Extremität) und

Ole Ackermann (Duisburg,  und Unfallchirurg, Kindliche Frakturen 2: obere Extremität), die Interessen aller drei beteiligten DEGUM-Gruppierungen unter einen Hut.

Dabei waren die Anwesenden nicht nur von den strahlenfrei erzielbaren Aussagemöglichkeiten der demonstrierten Knochenbefunde n beeindruckt. Für die überwiegend an erwachsenen Patienten tätigen Kollegen waren die vorgestellten Konzepte für die Fraktur-Diagnostik an Schädel, oberer und unterer Extremität bei Kindern besonders faszinierend, weil dadurch in einer Vielzahl von Fällen auf das Röntgen der besonders strahlensensiblen kleinen Patienten verzichtet werden kann.

Die zweite Sitzung am Freitag Vormittag behandelte die abdominelle sonographische Notfalldiagnostik.

Martin Harms (als Chirurg Leiter einer interdisziplinären Notaufnahme in Düsseldorf) stellte zunächst die moderne sonographische Traumadiagnostik vom einfachen „FAST“-Protokoll bis zur Kontrastmittelsonographie dar, die wiederum besonders bei jungen und schlanken Patient(inn)en in bestimmten Fällen eine CT-„Traumaspirale“ vermeiden helfen kann.

Matthias Wüstner (als Chirurg kollegialer Leiter der größten interdisziplinären Ultraschallabteilung Deutschlands, ZIS, in Trier) stellte das von ihm entwickelte neue "FASAA-Konzept" für eine fokussierte Basisdiagnostik bei Patienten mit nicht-traumatischen akuten abdominellen Beschwerden vor, welches die Sektion Chirurgie im bisher recht schmal gefassten abdominellen Diagnostik-Curriculum des Notfall-AK berücksichtigt wissen möchte. Das „FASAA“-Konzept fokussiert u. a. darauf, röntgenologische „Abdomen Leer“-Aufnahmen verzichtbar zu machen, indem neben pathologischer Flüssigkeit und dilatierten Hohlorganen (incl. Magendarmtrakt) im Abdomen auch prähepatische freie Luft und echoreich infiltrierte Fettgewebsareale sonographisch berücksichtigt und dokumentiert werden.

Anschließend stellte Ruth Thees-Laurenz (als Allgemeinmedizinerin Leiterin der Notfalldiagnostik in der Trierer ZIS und Mitglied im AK Notfallsonographie) die Möglichkeiten der sonographischen „high-end“ Diagnostik bei akuten abdominellen Erkrankungen vor. Dabei spielt wiederum der Einsatz von Ultraschall-Kontrastmittel eine große Rolle. Insbesondere stellte die Referentin ihre Arbeiten zum Thema der Darmperfusionsstörungen dar. Hier erlaubt die KM-Sonographie in vielen Fällen ohne Strahlen- und Nierenbelastung u. a. klare Aussagen über die Dringlichkeit von OP-Indikationen.

Die dritte Vormittagssitzung war der notfallmäßigen Gefäß-Sonodiagnostik gewidmet.

Siegfried Krishnabhakdi (schallender Gefäßchirurgie-Chefarzt aus Herford) stellte in didaktisch gewohnt brillianter und auch für angiologisch nicht Bewanderte verständlicher Form die Prinzipien der peripheren arteriellen Gefäßverschlussdiagnostik dar.

Elmar Mertiny (Angiologe und kollegialer Leiter der ZIS in Trier) stellte abschließend die verschiedenen Konzepte der sonographischen Thrombosediagnostik und deren Einsatzmöglich-keiten dar (2-Punkt-Screening (Leiste und Kniekehle) vs. tiefe Oberschenkelvenen incl. Knie-kehle komplett vs. tiefe Oberschenkel- und Wadenvenen komplett) dar. Daneben plädierte er für ein algorithmisches Vorgehen beim Thromboseverdacht. Ohne eine Indikationsstellung aufgrund einer rationalen Bewertung der Klinik (z. B. nach dem „Wells-Score“), und andererseits durch das Missverständnis des D-Dimer-Nachweises als Suchparameter wird vielerorts eine hohe Arbeitslast unnötiger Ultraschalluntersuchungen  veranlasst.

Am Freitag Nachmittag schloss sich die traditionelle „Industriesitzung“ an, in der mehrere der anwesenden Ultraschall-Firmenvertreter in Vortragsform über den aktuellen Stand ihrer Produktentwicklung informierten, bzw. exclusive Zeit zu Informationsbesuchen an den Ständen der Hersteller vorhanden war.

Sein Ende fand das freitägliche „Indoor-Programm“ danach mit der Sektionssitzung der Chirurgen und der parallelen Bewegungsorgan-AK-Sitzung. Nach Abarbeitung einer großen Tagesordnung (Protokoll s. Mitgliederbereich der DEGUM-homepage) und nachdem die AK-Mitglieder der Sektion aus ihrer AK-Sitzung zurück waren, wurden als Sektionsleiter Matthias Wüstner und als Stellvertreter Siegfried Krishnabhakdi und Rainer Berthold wiedergewählt. Astrid Kölln trat wg. ihrer „Auswanderung“ in die Schweiz, wo sie die Leitung einer interdisziplinären Notaufnahme übernommen hat, nicht zur Wiederwahl als stellvertretende Sektionsleiterin an. Als ihr Nachfolger wurde Christian Tesch aus Hamburg neu gewählt.

Nach kurzer Verschnaufpause schloss sich das Outdoor-Rahmenprogramm an. Ein Bus brachte 50 Teilnehmer und Begleitpersonen vom Berg ins Zentrum der über 2000 Jahre alten Trierer Altstadt. Bei subtropischen Temperaturen konnten die Teilnehmer mehrere der bis über 1.800 Jahre alten erhaltenen römischen Großbauten der Stadt kennenlernen und besichtigen. Die beiden Führer erwiesen sich nicht nur als kenntnisreich und gewitzt, sondern lockerten die sommerlichen Fußpassagen zwischen Palastaula (beeindruckender, mit ca. 70 x 30 x 27 m Innenraum größter säulenfreier Saalbau des Altertums), Dom (zweitälteste Kirche der Welt), Hauptmarkt und Porta Nigra zusätzlich mit mehreren aus dem Trolli gezauberten regionalen Weinproben auf. (Glücklicherweise enthielt der Trolli auch eisgekühltes Mineralwasser in ausreichender Menge.

(Wein-)Geistig erquickt, aber temperatürlich ermattet und pflasterlahm erreichte die Gruppe jenseits der Porta Nigra schließlich ein modernes Hotel und einen Sektempfang auf einer schattigen Terrasse. (An keinem Ort der Welt wird mehr Sekt produziert als in Trier.) Anschließend wurde das opulente Abendbuffett im vorderen Teil des Gebäudes mit Panoramafensterblick auf das im allmählichen abendlichen Lichtspiel gegenüber liegende wuchtige römische Stadttor eingenommen. Trotz der allgemein sehr angeregten und aufgeräumten Stimmung und der exzellenten Qualität von Speisen und Weinen war die große Mehrzahl der Teilnehmer froh, als der Bus die Gruppe zurück auf die Höhe ins Robert-Schuman-Haus brachte. Dort wurde die Nachtruhe noch von einem heftigen Gewitter gepfeffert, das aber immerhin eine angenehm starke Abkühlung hinterließ.
 
Wiederbeginn des wissenschaftlichen Programms war am Samstag Vormittag erst um 9 Uhr mit einer Thorax-Notfalldiagnostiksitzung.

Zunächst stellte der charismatische Raoul Breitkreutz (Anästhesist und Notfallsono-„Überflieger“ des Notfall-AK) das von ihm mit entwickelte Konzept für die fokussierte Thorax- und Lungensonographie für Notfälle vor. Er appellierte besonders auch an die anwesenden Chirurgen, neben der altbekannten Erguss- und Konsolidierungsdiagnostik auch die nicht ganz trivialen Sonozeichen des Pneumothorax, sowie die Abschätzung des Lungenwasser-Gehalts anhand der B-Liniendichte in ihr diagnostisches Repertoire mit aufzunehmen.
R. Breitkreutz überreichte am Ende seines Vortrags ein kleines Präsent an Matthias Wüstner als Dank des AK Notfallsonographie für die Organisation der gelungenen Tagung, verbunden auch mit dem Wunsch im kommenden Jahr erneut am gleichen Ort zu tagen.

Den „Schlussstein“ in den topographisch-anatomischen Bogen des Tagungsprogramms setzte dann Wolfgang Heinz (Gastroenterologie-Chefarzt in Stuttgart und Leiter des DEGUM-AK Notfallsonographie) mit seinem Vortrag über fokussierte Echokardiographie für Nicht-Kardiologen. Gegen die „Beklommenheit“, die das Herzechothema bei vielen schallenden Chirurgen auslöst, setzte Heinz viele schlagende Fallbeispiele u. a. im Zusammenhang mit der Reanimation, bei der ein kurzer sonographischer Blick auch ohne kardiologiespezifische Messprotokolle z. B. die Erkennung vieler potenziell reversibler Ursachen eines hämodynamischen Kreislaufstillstands erlaubt (wie Hypovolämie, Pericardtamponade, fulminante Lungenembolie oder Spannungspneu). 

Die letzte Vortragssitzung der Tagung widmete sich dann zwei ausgewählten Themen aus dem Bereich sonokontrollierte Notfall-Interventionen.

Zunächst  stellte Thomas Amelang (Internist und Notfallschaller aus Frankfurt) die fileadmin/dokumente/sektionen/chirurgie/Vorträge/Jahrestagung_2015/11_Amelang_Sonokontrollierte_Gef_ñ_ƒpunktionen_Trier_150606.pdfsonokontrollierte Einlage von peripheren Venenzugängen dar. Nach sehr anschaulichen, selbst erstellten didaktischen Modellen zur „off plane“ und „in plane“-Technik zeigte er teils verblüffende Fallbeispiele (u. a. aus dem Frankfurter i.v.-Drogenmilieu), in denen das sonographische Finden und die Kanülierung peripherer Venen letztlich lebensrettend war. Auch darin wurde fürs Auditrium erkennbar, warum diese häufigst verübte aller medizinischen Körperverletzungen in Zukunft mit der Verfügbarkeit von Kitteltaschen-Sonogeräten wohl nicht mehr durch blindes Stochern bis zum Erfolg versucht werden wird.

Alexander Kasper (Internist, Angiologe und Hämostaseologe aus dem Trierer ZIS-Team) stellte schließlich zum Thema „diagnostische Punktionen und Drainagen“ in internistisch-systematischer Breite die Geschichte, die Indikationen und Differentialindikationen, sowie die verfügbaren modernen Techniken dar. Außerdem zeigte er auch anhand detaillierter Literaturübersichten auf, dass die Entwicklung von (u. a. AWMF-) Leitlinien einerseits einen historischen Wandel von der chirurgischen zur interventionellen Abszesstherapie reflektieren, dass aber trotzdem für viele Detailfragen noch keine publizierte Evidenz vorliegt – weshalb u. a. die DEGUM den Interventions-AK wiedergegründet hat. das Gros der Teilnehmer verabschiedet und durch einen Imbiss gestärkt bereits auf dem Heimweg war, setzten sich die anwesenden Leitungsmitglieder von Sektion Chirurgie und AK Notfallsonographie endlich zu einem seit Jahren angestrebten  Strategiegespräch zusammen. Die zu einzelnen organisatorisch-administrativen Punkten bekannt kontroversen Ansichten konnten in diesem erstmaligen und zeitlich und personell limitierten Setting erwartungsgemäß nicht ausgeräumt werden und blockierten leider auch den Austausch über die wenigen und vermutlich unproblematischen inhaltlichen Anregungen der Sektion Chirurgie (s. o., „FASAA“-Konzept).

Nachzutragen ist, dass das Treffen mit einem positiven finanziellen Ergebnis abgeschlossen werden konnte und im Rahmen der online-Evaluierung der DEGUM-Akademie von Teilnehmern mit der Gesamtnote 1,44 bewertet und sehr positiv kommentiert wurde.

(U. a.: „Eine der besten Veranstaltungen, die ich in den letzten Jahren besucht habe. Hochrangige Referenten, aktuelle Themen und eine hervorragende Diskussionsdisziplin. Freue mich auf die Folge-Jahrestagung.")


M. Wüstner